Berechnung & Nachweisevon Tim Diekmann6 Min. Lesezeit

Heizlast pro m²: warum Watt pro Quadratmeter nur eine Näherung ist

Als Größenordnung taugt der Wert in Watt pro Quadratmeter: rund 45 im Neubau, 70 gut modernisiert, 100 teilmodernisiert, 145 unsaniert. Für die Auslegung taugt er nicht — ein Rechenbeispiel zeigt, warum.

Die spezifische Heizlast in Watt pro Quadratmeter Wohnfläche ist die schnellste Art, die Größe einer Heizung abzuschätzen: Wohnfläche mal Kennwert ergibt die Heizlast. Für ein erstes Gefühl ist das legitim. Als Grundlage für die Auswahl einer Wärmepumpe ist es zu ungenau, weil der Kennwert genau das ausblendet, was die Heizlast eigentlich bestimmt: die Bauteile und ihren Zustand.

Richtwerte nach Gebäudezustand

Diese Werte verwendet auch unser Heizlast-Rechner. Sie gelten für eine durchschnittliche Klimalage mit einer Norm-Außentemperatur um minus zehn Grad.

GebäudezustandRichtwert150 m² ergeben
Neubau nach aktuellem Standardetwa 45 W/m²rund 6,8 kW
Gut modernisiert (Hülle weitgehend gedämmt)etwa 70 W/m²rund 10,5 kW
Teilmodernisiert (z. B. Fenster, Dach)etwa 100 W/m²rund 15 kW
Unsaniertetwa 145 W/m²rund 21,8 kW

Schon die Tabelle zeigt das Problem: Zwischen „teilmodernisiert“ und „gut modernisiert“ liegen fünf Kilowatt. In welche Zeile ein konkretes Haus gehört, ist Ansichtssache — und genau diese Ansichtssache entscheidet über die Gerätegröße.

Rechenbeispiel: gleiches Haus, zwei Zustände

Ein zweigeschossiges Einfamilienhaus mit rund 140 m² Wohnfläche, Grundfläche 8 × 9 m. Gerechnet wird vereinfacht nach dem Prinzip der DIN EN 12831: Transmissionsverluste über die Hülle plus Lüftungsverluste, bei 20 °C innen und minus 10 °C außen, also 30 Kelvin Temperaturdifferenz.

AnnahmeUnsaniertTeilsaniert
Außenwand (164 m²)U = 1,4 W/(m²K)U = 0,8 W/(m²K)
Fenster (26 m²)U = 2,8 W/(m²K)U = 1,3 W/(m²K)
Oberste Geschossdecke (72 m²)U = 0,9 W/(m²K)U = 0,25 W/(m²K)
Boden gegen Erdreich (72 m²)U = 1,0 W/(m²K), halb angesetztunverändert
Wärmebrückenpauschal 0,05 W/(m²K) auf die Hülleunverändert
Luftwechsel0,5 pro Stunde, 350 m³unverändert
ErgebnisUnsaniertTeilsaniert
Transmission12,6 kW7,1 kW
Lüftung1,8 kW1,8 kW
Heizlast gesamt14,4 kW8,9 kW
Spezifisch103 W/m²63 W/m²

Neue Fenster und eine gedämmte oberste Geschossdecke senken die Heizlast desselben Hauses um mehr als ein Drittel. Wer das Haus nach Baujahr als „unsaniert“ einordnet und mit 145 W/m² rechnet, kommt auf gut 20 kW — mehr als das Doppelte dessen, was das teilsanierte Haus tatsächlich braucht.

Was der Quadratmeter nicht sieht

  • Bauteilzustand: Fenster, Dach und Wand wirken jeweils einzeln. Eine Teilsanierung taucht in der Wohnfläche nicht auf.
  • Geometrie: Ein Bungalow hat bei gleicher Wohnfläche mehr Dach- und Bodenfläche je Quadratmeter als ein kompaktes zweigeschossiges Haus.
  • Raumhöhe: Altbauten mit drei Metern Deckenhöhe haben bei gleicher Fläche deutlich mehr Luftvolumen und damit höhere Lüftungsverluste.
  • Lage und Nutzung: Ein Reihenmittelhaus verliert über die Trennwände kaum Wärme, ein freistehendes Haus über alle vier Seiten.
  • Verteilung: Die Summe sagt nichts darüber, welcher Raum bei niedriger Vorlauftemperatur zu kalt bleibt — und das ist die Frage, die bei der Wärmepumpe zählt.

Besser als der Flächenkennwert: der Verbrauch

Im Bestand liefert der tatsächliche Verbrauch einen deutlich belastbareren Überschlag als die Fläche: Heizenergie pro Jahr, ohne Warmwasseranteil, geteilt durch rund 2.000 Vollbenutzungsstunden. 18.000 kWh Gas mit etwa 15 Prozent Warmwasseranteil ergeben so rund 15.300 kWh für die Heizung und damit eine Heizlast in der Größenordnung von 7,7 kW. Der Weg setzt voraus, dass das Haus in den Vergleichsjahren normal bewohnt und beheizt war.

Die Größenordnung selbst ermitteln — über Fläche, Verbrauch oder U-Werte:

Zum Heizlast-Rechner

Für die Geräteauswahl, die Heizflächenprüfung und den hydraulischen Abgleich nach Verfahren B braucht es anschließend die raumweise Berechnung.

Raumweise, nach DIN EN 12831, mit offengelegten Annahmen:

Heizlastberechnung ansehen

Häufige Fragen

Wie viel Watt pro Quadratmeter braucht ein Einfamilienhaus?
Als Größenordnung rund 45 W/m² im Neubau, 70 W/m² gut modernisiert, 100 W/m² teilmodernisiert und 145 W/m² unsaniert. Der tatsächliche Wert eines Hauses kann davon deutlich abweichen, weil Bauteilzustand, Geometrie und Raumhöhe im Flächenkennwert nicht enthalten sind.
Reicht der W/m²-Wert, um eine Wärmepumpe auszuwählen?
Nein. Er führt regelmäßig zu zu großen Geräten, weil Sanierungsschritte nicht bewertet werden. Für die Auswahl braucht es die Heizlast nach DIN EN 12831, für die Heizflächen die raumweisen Werte.
Ist die Heizlast pro m² dasselbe wie der Energiebedarf pro m²?
Nein. Die Heizlast ist eine Leistung in Watt an einem sehr kalten Tag. Der Energiebedarf im Energieausweis ist eine Energiemenge in Kilowattstunden pro Jahr. Beide hängen zusammen, beantworten aber verschiedene Fragen.