Trinkwasserleitungen richtig dimensionieren: zu groß ist gefährlich
In vielen Bestandsinstallationen liegen Leitungen, die für den doppelten Bedarf ausgelegt wurden. Was früher als Sicherheitsreserve galt, gilt heute als Risiko: Je mehr Wasser in der Leitung steht, desto länger dauert der Austausch, desto eher erwärmt sich Kaltwasser und desto besser sind die Bedingungen für Keimwachstum.
Die DIN 1988-300 dreht die alte Logik deshalb um: so knapp dimensionieren wie möglich, so groß wie nötig — und der Nachweis erfolgt über die Rechnung, nicht über die Erfahrung.
Warum Standzeiten das eigentliche Problem sind
Legionellen vermehren sich bevorzugt in einem Temperaturbereich, den lauwarmes Wasser genau trifft. Kaltwasser soll deshalb kalt bleiben und Warmwasser durchgängig heiß. Beides gelingt nur, wenn das Wasser regelmäßig ausgetauscht wird.
- Zu große Nennweiten verlängern die Verweildauer im Rohr.
- Selten genutzte Entnahmestellen bilden Stagnationsstrecken.
- Nicht getrennte Kalt- und Warmwasserleitungen erwärmen sich gegenseitig.
- Zu lange Leitungswege bis zur Entnahmestelle verlängern die Ausstoßzeit.
Wie die Berechnung funktioniert
- Jede Entnahmestelle bekommt ihren Berechnungsdurchfluss nach Armaturenart.
- Aus der Summe der Berechnungsdurchflüsse wird über eine Gleichzeitigkeitsbetrachtung der Spitzendurchfluss ermittelt — abhängig von der Gebäudeart.
- Für jeden Leitungsabschnitt wird der Spitzendurchfluss bestimmt und daraus die Nennweite abgeleitet.
- Die Druckverluste werden bis zur ungünstigsten Entnahmestelle aufsummiert, inklusive Höhenunterschied, Armaturen und Wasserzähler.
- Abschließend wird geprüft, ob der Mindestfließdruck an dieser Stelle noch erreicht wird.
Der letzte Schritt ist der eigentliche Nachweis. Er beantwortet die Frage, die Bauherren stellen: Kann ich duschen, während die Waschmaschine läuft?
Zirkulation: notwendig, aber oft falsch eingestellt
Eine Zirkulationsleitung hält Warmwasser in Bewegung, damit es an der Entnahmestelle schnell heiß ankommt und im Rohr nicht abkühlt. Ohne Einregulierung entsteht jedoch eine Kurzschlussströmung: Der kürzeste Strang nimmt das meiste Wasser auf, die entfernten Stränge kühlen aus.
Deshalb gehören Regulierventile in jeden Zirkulationsstrang, und die Einstellwerte gehören berechnet. Das ist derselbe Gedanke wie beim hydraulischen Abgleich der Heizung — nur mit hygienischer statt energetischer Konsequenz.
Typische Fehler in der Praxis
| Fehler | Folge | Abhilfe |
|---|---|---|
| Einheitliche Nennweite im ganzen Haus | Überdimensionierung in den Endsträngen | Strangweise Dimensionierung |
| Warm und kalt gemeinsam gedämmt | Kaltwasser erwärmt sich | Getrennte Führung und Dämmung |
| Gästebad ohne regelmäßige Nutzung | Stagnation | Spülplan oder automatische Spülung |
| Zirkulation ohne Regulierventile | Kalte Stränge trotz laufender Pumpe | Einregulierung berechnen |
| Druckminderer nicht berücksichtigt | Fließdruck reicht nicht | In die Druckverlustkette einrechnen |
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